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Damit die Vergangenheit zur Geschichte wird – Traumatherapie mit Haltung und Humor

1) Frau Dr. Appel, ich habe Sie auf dem Kongress „Reden reicht nicht?!“ erlebt und war sehr angetan von Ihrer Ausstrahlung, Ihrer Erfahrung und Ihrer humorvollen und lebendigen Art. Nach diesem Seminar war für mich klar, dass ich diese Art von Traumatherapie auch im WILOB erlebbar machen möchte. Sie haben dort immer wieder betont, dass die innere Haltung wichtiger ist als die perfekte Technik. Was macht eine „systemisch-traumasensible“Haltung im Kern aus?

Vielen Dank für diese schöne Rückmeldung. Im Kern geht es für mich darum, die Symptome nicht als Störung, sondern als sinnvolle Überlebensreaktionen zu verstehen. Statt zu fragen „Wie bekomme ich das weg?“, frage ich eher: „Wozu war das einmal hilfreich, und was braucht dieses System jetzt?“ Zentral ist dabei ein mitfühlender Kontakt, der Sicherheit und Orientierung vermittelt, aber auch durchaus humorvoll sein darf. Hinzu kommen eine lösungs-, ressourcen- und prozessorientierte Haltung sowie vor allem Erlaubnis und Vertrauen. Ich vertraue darauf, dass mein Gegenüber heilungsfähig ist und die Weisheit dafür in sich trägt. Oder wie wir in der Gestalttherapie sagen: Was ist, darf sein. Was sein darf, verändert sich.

2) Sie beschreiben die Lähmung, die Therapeut:innen oft spüren, wenn sie mit komplexen Traumata konfrontiert werden. Was ist der allererste Schritt, um aus dieser eigenen Erstarrung wieder in die Handlungsfähigkeit zu kommen?

Tief ausatmen. Mein hypnotherapeutischer Lehrer Paul Carter sagt immer „Take a breath like a sigh“. Dieses tiefe Ausatmen, verbunden mit dem Gefühl loszulassen, hilft mir, wieder zu mir und zu meiner Lebendigkeit zurückzukehren. Denn diese Form von Erstarrung ist häufig ein Resonanzphänomen. Wir geraten selbst kurz in einen Zustand, der dem der Klient:innen sehr ähnlich ist. Das ist eine normale Reaktion auf eine unnormale Situation. Wenn das alleine nicht ausreicht, dann kann es auch hilfreich sein, sich zu bewegen oder eine kleine gemeinsame Übung anzuleiten. Wie ich das tue, vermittle ich natürlich in meinem Seminar.

3) Ohne zu viel vorwegzunehmen: Was ist eine ihrer Lieblingsinterventionen, die oft eine verblüffend schnelle Entlastung bringt – sowohl für Klient:innen als auch für Therapeut:innen?          

Ich habe natürlich mehrere Lieblingsinterventionen und nicht jede passt zu jeder Situation. Aber ganz spontan würde ich hier die Seifenblasen nennen. Sie sind einfach und spielerisch und wirken dennoch auf mehreren Ebenen gleichzeitig: Sie entschleunigen die Atmung, aktivieren den Vagusnerv, lenken den Blick nach außen und laden zu Leichtigkeit und zum Loslassen ein. Gerade bei hoher Anspannung oder innerer Erstarrung können sie überraschend schnell regulierend wirken, insbesondere bei komplex traumatisierten Klient:innen mit kindlichen Anteilen. Und nicht zuletzt entlasten sie auch uns Therapeut:innen. Sie holen uns aus dem Gefühl heraus, etwas „leisten“ zu müssen, und erinnern daran, dass Regulation oft über einfache, sinnliche Erfahrungen entsteht.

4) Sie arbeiten aktuell an einem Buch zur Traumatherapie. Worum geht es darin und an welche Zielgruppe richtet sich das Buch?

Mein Anliegen ist es, eine lebendige und zugleich kompakte Einführung in die Traumatherapie zu schreiben, vor allem für junge Therapeut:innen in der Weiterbildung. Ein Buch, das man auch nach einem anstrengenden Arbeitstag am Abend noch lesen kann. Dafür habe ich bewusst viele persönliche Erfahrungen und klinische Beispiele eingebracht. Im Zentrum steht meine innere Haltung als Traumatherapeutin, ergänzt durch Interventionen, die sich rasch erlernen lassen, für Klient:innen verständlich aufbereitete Psychoedukation und Hinweise auf weiterführende Hilfsangebote. Es soll Orientierung geben, ohne zu überfordern.

5) Mich hat auf dem Kongress auch Ihr Singen berührt. Was hat diese Verbindung von fachlicher Arbeit und künstlerischem Ausdruck für Sie persönlich mit Traumatherapie zu tun? Und dürfen wir etwas davon auch in dem Seminar erwarten?

Für mich geht es sowohl beim Singen und Performen als auch in der Traumatherapie um Kontakt, Kommunikation und Resonanz. Während in meiner Arbeit als Therapeutin das Zu- und Hinhören einen großen Raum einnimmt, ist der Kontakt als Sängerin natürlich ein anderer: Ich kommuniziere über Musik und Texte, erzähle Geschichten und trete auf diese Weise in Beziehung zu meinem Publikum. Aber auch hier ist das Miteinander-Schwingen, die Resonanz, entscheidend. Ohne Resonanz bleibt vieles technisch und nicht wirklich wirksam. Und weil Singen an sich und besonders in der Gemeinschaft auch eine traumatherapeutische Wirkung hat, biete ich das auch meinen Teilnehmer:innen an – natürlich freiwillig und ohne dabei etwas leisten zu müssen. Denn Singen verbindet Atem, Stimme, Rhythmus und soziale Verbundenheit und wirkt damit direkt regulierend auf das autonome Nervensystem. Für mich und für viele andere Menschen ist es zudem ein wichtiger Bestandteil von Selbstfürsorge.

6) Und zum Schluss noch, wenn Sie Traumatherapie in einem Satz beschreiben müssten – jenseits von Diagnosen und Techniken – wie würde dieser lauten?

Traumatherapie ist ein gemeinsamer Prozess, in dem die Vergangenheit endlich zu einer Geschichte werden darf, die man erlebt hat – damit sie aufhört, ein Zustand zu sein, in dem man ist.

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