Laden...

Blog

Die unterschätzte Ressource Freundlichkeit

Ein Toolbuch für Beratung und Psychotherapie 

von Dr. Mohammed El Hachimi

Das Buch in drei Sätzen

Freundlichkeit ist in Therapie und Beratung weit mehr als ein Zeichen guter Umgangsformen – sie ist eine professionelle Haltung und eine wirksame Ressource. Sie schafft Vertrauen, ermöglicht auch schwierige Gespräche und kann Veränderungsprozesse unterstützen, ohne Konflikte oder unangenehme Wahrheiten zu vermeiden. Mein Buch lädt dazu ein, Freundlichkeit bewusster wahrzunehmen, als Kompetenz zu entwickeln und ganz konkret in der eigenen Praxis einzusetzen.

1. Die Abgrenzung: Nettigkeit ist nicht Freundlichkeit

Frage wilob:
„Mohammed, du schreibst, Freundlichkeit werde oft unterschätzt. Viele Therapeutennglauben, sie seien sowieso freundlich. Wo liegt der entscheidende Unterschied zwischen einer ‚sozialen Nettigkeit‘ und deiner professionellen ‚therapeutischen Freundlichkeit‘?“

Antwort Dr. Mohammed El Hachimi: 

Ich würde Freundlichkeit nicht mit Nettigkeit gleichsetzen. Nettigkeit kann bedeuten, dass wir höflich, angenehm oder zuvorkommend miteinander umgehen. Professionelle Freundlichkeit geht weiter: Sie ist eine bewusste Haltung, mit der ich dem anderen respektvoll und zugewandt begegne – gerade auch dann, wenn es schwierig, widersprüchlich oder unangenehm wird.

Freundlichkeit bedeutet deshalb nicht, immer angenehm zu sein. Sie kann auch bedeuten, eine unbequeme Frage zu stellen, eine Grenze zu setzen oder etwas anzusprechen, das bisher vermieden wurde. Entscheidend ist die Haltung, aus der heraus ich es tue.

Frage wilob:
„Gibt es eine ‚gefährliche‘ Art von Freundlichkeit in der Therapie – etwa eine, die Konflikte eher zudeckt als löst?“

Antwort Dr. Mohammed El Hachimi: 

Ja. Freundlichkeit kann problematisch werden, wenn sie mit Harmonie verwechselt wird. Wenn ich aus Angst vor Konflikten immer verständnisvoll, vorsichtig oder harmonisch sein möchte, kann ich genau das vermeiden, was therapeutisch wichtig wäre.

Echte Freundlichkeit braucht deshalb auch Klarheit. Sie hält Spannung aus und ermöglicht es, schwierige Dinge anzusprechen, ohne den anderen abzuwerten. Freundlich zu sein bedeutet nicht, jedem Konflikt auszuweichen.

2. Freundlichkeit als therapeutische Ressource

Frage wilob:
„Du bezeichnest Freundlichkeit als Ressource. Wie genau hilft diese Haltung, wenn es im Prozess ‚harten Widerstand‘ gibt oder die Themen besonders schmerzhaft werden?“

Antwort Dr. Mohammed El Hachimi: 

Gerade in schwierigen Situationen zeigt sich, ob Freundlichkeit tatsächlich eine professionelle Ressource ist. Wenn Menschen sich verstanden und respektiert fühlen, kann ein Raum entstehen, in dem auch Schmerzhaftes, Widersprüchliches oder bisher Vermeidendes angesprochen werden darf.

Freundlichkeit nimmt dem schwierigen Thema nicht seine Schwere. Sie verändert vielmehr die Art und Weise, wie wir uns ihm gemeinsam nähern. Der Klient muss nicht gegen den Therapeuten kämpfen – beide können sich dem Problem zuwenden.

Frage wilob:
„Wie verändert sich die Dynamik im Raum, wenn ich Freundlichkeit nicht nur als Etikette, sondern als bewusste Kompetenz einsetze?“

Antwort Dr. Mohammed El Hachimi: 

Dann wird Freundlichkeit etwas, das ich aktiv gestalten kann. Ich achte nicht nur darauf, ob ich höflich bin, sondern darauf, wie meine Haltung, meine Sprache, mein Zuhören und auch mein Umgang mit Grenzen beim Gegenüber ankommen.

Dadurch kann sich die Atmosphäre verändern: Aus einem Gespräch, in dem man etwas „richtig machen“ muss, kann eher eine gemeinsame Erkundung werden. Freundlichkeit wird dann zu einer Ressource für Beziehung und Veränderung.

3. Selbstreflexion

Frage wilob:
„In deinem Buch gibt es Reflexionsimpulse. Was ist die wichtigste Frage, die sich eine Beraterin am Ende eines langen Tages stellen sollte, um ihre eigene freundliche Haltungzu überprüfen?“

Antwort Dr. Mohammed El Hachimi: 

Vielleicht diese: „Bin ich den Menschen heute wirklich zugewandt begegnet – auch dort, wo es für mich schwierig war?“

Dabei geht es nicht darum, sich am Ende des Tages eine gute Note zu geben. Viel interessanter ist die Selbstbeobachtung: Wann war ich offen und interessiert? Wann wurde ich ungeduldig? Wann wollte ich etwas schnell lösen oder vermeiden? Solche Fragen machen Freundlichkeit zu einer reflektierten professionellen Haltung.

Frage wilob:
„Wie bleibe ich authentisch freundlich, wenn ich als Therapeut selbst einen schlechten Tag habe oder mir ein Klient gegenübersteht, der mich triggert?“

Antwort Dr. Mohammed El Hachimi: 

Authentische Freundlichkeit bedeutet nicht, dass ich immer gut gelaunt oder innerlich völlig unbelastet bin. Entscheidend ist, dass ich meine eigenen Reaktionen wahrnehme und nicht ungeprüft auf den Klienten übertrage.

Gerade bei Menschen, die starke Reaktionen in mir auslösen, ist Selbstreflexion wichtig. Ich kann mich fragen: Was geschieht gerade bei mir? Was gehört zum Klienten und was gehört zu meiner eigenen Geschichte? Freundlichkeit beginnt dann auch mit einem respektvollen Umgang mit den eigenen Grenzen und Reaktionen.

4. Praxis und konkrete Tools

Frage wilob:
„Wenn jemand morgen in die Praxis geht: Was ist eine kleine, sofort umsetzbare Übung aus deinem Buch, um die Ressource Freundlichkeit im Gespräch spürbar zu machen?“

Antwort Dr. Mohammed El Hachimi: 

Eine einfache Übung ist, im nächsten Gespräch bewusst einen Moment länger zuzuhören als sonst, bevor ich antworte. Nicht sofort einordnen, bewerten oder eine Lösung anbieten, sondern mich fragen: „Was möchte dieser Mensch mir gerade wirklich mitteilen?“ 

Diese kleine Veränderung kann viel bewirken. Freundlichkeit zeigt sich oft nicht in großen Gesten, sondern in Aufmerksamkeit, Präsenz und echtem Interesse.

Frage wilob:
„Wie vermittelt man Freundlichkeit in schwierigen Kontexten – zum Beispiel in der Arbeit mit unfreiwilligen Klienten oder in der Organisationsberatung?“

Antwort Dr. Mohammed El Hachimi: 

Gerade dort darf Freundlichkeit nicht mit Gefälligkeit verwechselt werden. Ein unfreiwilliger Klient muss nicht davon überzeugt sein, dass die Beratung großartig ist. Aber er kann erleben, dass seine Perspektive ernst genommen und seine Würde respektiert wird.

Auch in Organisationen bedeutet Freundlichkeit nicht, schwierige Entscheidungen oder Konflikte zu vermeiden. Sie zeigt sich vielmehr darin, wie wir mit Menschen umgehen, wenn Interessen auseinandergehen, Macht eine Rolle spielt oder Veränderungen notwendig sind.

5. Warum dieses Buch – und warum jetzt?

Frage wilob:
„Was war der Auslöser für dich, gerade jetzt – im Jahr 2026 – ein Buch über Freundlichkeit zu schreiben? Hast du das Gefühl, dass uns diese Ressource in der heutigen Zeit abhandenkommt?“

Antwort Dr. Mohammed El Hachimi: 

Mich beschäftigt die Frage, warum etwas, das auf den ersten Blick so selbstverständlich erscheint, in professionellen Beziehungen so leicht übersehen wird. In Therapie und Beratung sprechen wir viel über Methoden, Techniken, Diagnostik und Interventionen. Dabei gerät manchmal in den Hintergrund, wie entscheidend die Qualität der menschlichen Begegnung selbst ist.

Ich glaube nicht, dass Freundlichkeit verschwunden ist. Aber sie braucht hohe Aufmerksamkeit – gerade in einer Zeit, in der Begegnungen häufig schneller, konflikthafter und stärker von Bewertungen geprägt sind. Das Buch ist deshalb auch eine Einladung, Freundlichkeit nicht als Selbstverständlichkeit abzuhaken, sondern sie als professionelle Ressource neu zu entdecken.

Kurz zusammengefasst:

Freundlichkeit ist keine nette Zugabe zur Therapie – sie ist eine professionelle Kompetenz. Sie schafft einen Beziehungsraum, in dem Menschen sich sicher genug fühlen können, auch Schwieriges anzuschauen, Widersprüche auszuhalten und Veränderung zu wagen. „Die unterschätzte Ressource Freundlichkeit“ möchte zeigen, wie wir diese Haltung bewusst entwickeln und (nicht nur) im Beratungs- und Therapiealltag konkret nutzen können.

Das Buch im Überblick

  • ISBN: 978-3-525-40907-7
  • Titel: Die unterschätzte Ressource Freundlichkeit: Ein Toolbuch für Beratung und Psychotherapie
  • Autor: Dr. phil. Mohammed El Hachimi (Systemischer Lehrtherapeut, Supervisor und Coach)
  • Verlag: Vandenhoeck & Ruprecht (V&R unipress)
  • Umfang: 288 Seiten

Hier geht es zum direkten Link zur Bestellung des Buches.