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Dr. Peter Spork: Gesundheit ist kein Zufall (Leseprobe)

Einleitung
Was ist Gesundheit?
Weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit ändert sich derzeit der Blick der Fachwelt auf unsere Gesundheit und Persönlichkeit. Anders als viele Ärzte und Patienten noch immer denken, sind Erkrankung und Charakter eines Menschen nicht nur eine Summe aus Zufall, aktuellem Lebensstil und genetischem Schicksal. Gesundheit ist auch kein starrer, unflexibler Zustand. Und sie ist schon gar nicht die Abwesenheit oder das Gegenteil von Krankheit. Lange galt, dass unsere Gesundheit einfach so da ist, im Sinne eines bei allen Menschen ähnlichen, je nach Glauben gott- oder naturgegebenen biologischen Programms. Doch ist es wirklich der Normalzustand, sozusagen der default mode, gesund zu sein? Werden wir gesund geboren? Sorgt unsere Biologie per se für unser Gesundsein? Die meisten von uns werden dem zustimmen. Doch sind sie sich dabei der eher unerfreulichen Konsequenzen bewusst? Sie wären dann nämlich weitgehend selbst schuld, wenn sie eines Tages ernsthaft erkrankten. Wie viel positiver ist die umgekehrte Sicht: Danach erschaffen wir zwar überwiegend unbewusst, aber aktiv, in der pausenlosen Auseinander-setzung mit unserer Umwelt die besten Voraussetzungen für ein glückliches, gesundes Leben mit vielen positiven sozialen Kontakten bis ins hohe Alter. Andreas Plagemann, Leiter der Abteilung für experimentelle
Geburtsmedizin an der Charité in Berlin, begreift das Leben als „individuellen, permanent umweltabhängigen Entwicklungsprozess« – als »Ontogenese bis ins Alter«. Unsere individuelle Vergangenheit entfaltet demzufolge eine fundamentale acht. Die neueste Forschung zeigt: Molekularbiologische Strukturen in den Zellen verändern sich unentwegt als Reaktion auf Umwelteinflüsse. Sie speichern Informationen über unsere Vergangenheit. Welche große Bedeutung diese Prozesse für uns und unsere Gesundheit haben, beginnen wir derzeit erst zu verstehen. Sie drängen den Faktor Zufall in den Hintergrund. Die Vergangenheit dagegen rückt als Gesundheitsfaktor nach vorne. Unser Verständnis von Gesundheit wandelt sich.
Plagemann ist Experte für perinatale Prägung, also der Wissenschaft von den bleibenden Einflüssen aus der Zeit im Mutterleib und im ersten Jahr nach der Geburt. Die vielen bahnbrechenden Erkenntnisse, vor allem aus den vergangenen fünf bis zehn Jahren, auf die er sich mit seiner Aussage bezieht, haben weit reichende Konsequenzen für den Umgang der Gesellschaft mit Kindern und Jugendlichen sowie mit werdenden und jungen Eltern. Offenbar wird ein großer Teil unserer Persönlichkeit und Widerstandskraft bereits in den 24 Monaten rings um unsere Geburt festgelegt. Doch die neuen Erkenntnisse verändern unser Verständnis von Gesundheit noch aus einem weiteren Grund: Prägung scheint sogar Generationsgrenzen überspringen zu können.

Die Gesundheit der Eltern beeinflusst danach auch die Gesundheit ihrer Kinder und Enkel. Das Phänomen der transgenerationellen Prägung gehört zu den aufregendsten Gebieten der modernen Biologie. Dem Anschein nach vererben wir neben unseren Genen nämlich auch erworbene Umwelt-anpassungen – und somit ein Stück weit unsere Gesundheit und Persönlichkeit. Widerstandskraft und psychische Stabilität bis ins hohe Alter sind demnach eine Reaktion auf Jahre bis Jahrzehnte zuvor geschriebene und in den Zellen des Körpers gespeicherte molekularbiologische Botschaften. Gesundheit ist die Anpassungsfähigkeit
von Körper und Geist an eine sich stets wandelnde, nicht selten bedrohliche und angriffslustige Umwelt. Sie ist die Gabe, positiv auf Belastungen zu reagieren und damit für zukünftige Herausforderungen besser gewappnet zu sein. Sie ist ein Prozess, ein Kontinuum. Gesundheit ist die aktive Leistung eines Organismus. Wir dürfen täglich neu um sie kämpfen. Und manchmal wächst sie sogar in der Auseinandersetzung mit einer Krankheit. Es klingt absurd, aber wir können sogar gleichzeitig krank und gesund sein. Genau betrachtet ist das etwas ganz Natürliches, fast schon Zwangsläufiges. Wenn wir beispielsweise einen Schnupfen haben, sind wir krank, zugleich sorgt aber unsere Fitness dafür, dass wir rasch wieder genesen. Oder wenn wir eine krank machende Mutation eines bestimmten Gens geerbt oder uns ein Bein gebrochen haben: Bei guter Gesundheit wird das Bein rasch heilen, und im Umgang mit der schicksalhaften genetisch bedingten Einschränkung wird uns eine gute Gesundheit bestmöglich unterstützen. Gesundheit ist eben auch relativ.» Gesundheit ist kein Zustand, sondern eine Bereitschaft zur richtigen Reaktion auf Störfaktoren«, schreibt mein Kollege Richard Friebe in seinem empfehlenswerten Buch Hormesis. Auch wenn sein Thema ein anderes ist als hier – nämlich die positive Wirkung kleiner Portionen oder Dosierungen eigentlich giftiger Substanzen oder ungesunder, stressender Erlebnisse –, so wirft Friebe doch den gleichen, modernen Blick auf Gesundheit als ein permanentes hochdynamisches Kontinuum.

Diese Sicht ist nicht neu. Sie veranlasste in den 1970er Jahren den amerikanischen Soziologen Aaron Antonovsky, das Konzept der Salutogenese – der Gesundheitsentstehung – zu entwickeln. Auch viele moderne, systemisch denkende Psychologen, Psychosomatiker und Präventionsmediziner begreifen Gesundheit mittlerweile als Prozess. Bei vielen ihrer Kollegen und in der Öffentlichkeit hat sich diese Vorstellung
aber noch nicht durchgesetzt. Man vermisst die greifbaren Veränderungen im Körper, die die Entstehung der Gesundheit auf zellbiologischer Ebene begleiten. Doch was diesen Punkt betrifft, gibt es in jüngster Zeit dramatische neue Erkenntnisse: Die Molekularbiologie hat Strukturen aufgespürt und bis ins Detail erforscht, die der Zelle ein Gedächtnis und eine Identität schenken und damit Stück für Stück unsere Widerstandskraft und Persönlichkeit aufbauen. Unsere Zellen erinnern sich also an Umwelt-einflüsse und die Folgen des eigenen Lebensstils. Erfahrungen der Vorfahren sind in ihnen ebenso gespeichert wie Erlebnisse aus der Zeit um die Geburt und weitere Gegebenheiten aus dem bisherigen Leben. Das erklärt, warum uns manche Einflüsse aus der Vergangenheit für den Rest des Lebens prägen und wie es möglich ist, dass der Lebensstil unserer Eltern und Großeltern – etwa ihre Ernährungsgewohnheiten und seelischen Belastungen – auch über unser eigenes Wohlergehen mitentscheidet.

Mit der Erforschung dieser drei Ebenen des Gedächtnisses der Zellen beschäftigen sich die Wissenschaften der transgenerationellen und der gewöhnlichen Epigenetik sowie der perinatalen Prägung. In diesem Buch werde ich die wichtigsten neuen Erkenntnisse zu diesen Gebieten präsentieren mitsamt den Konsequenzen, die sich daraus für uns ergeben.
Zunächst wird es darum gehen, wie die allermeisten häufigen Krankheiten aus dem untrennbaren Zusammenspiel von Erbe und Umwelt resultieren. Das ist der erste Teil. Im zweiten Teil widme ich mich schließlich der Zeit vor und nach der Geburt: die unerhört prägende erste Phase eines jeden
menschlichen Lebens. Sie beginnt kurioserweise schon drei Monate vor der Zeugung und endet mit dem ersten Lebensjahr. Werden Menschen jetzt in eine positive Richtung geprägt, dann profitieren sie davon ihr ganzes Leben. Sie sind regelrechte Glückskinder. Doch unsere Erfahrungswelt, aber auch die Auslöser und Folgen unseres Handelns, wirken weit über das eigene Leben hinaus. Die Grenzen zwischen den Generationen verschwimmen – nicht nur kulturell und soziologisch, sondern auch
biologisch. Im dritten Teil dieses Buches erkläre ich deshalb, wieso wir eine neue Biologie der Vererbung benötigen und wie diese aussehen könnte.
All das verändert den Blick einer Generation auf vorherige und nachfolgende Generationen. Und es verändert die Wahrnehmung
eines jeden Menschen von sich selbst. Gesundheit entsteht!

Wenn ich hier den Begriff Gesundheit verwende, geht es mir also nicht um die Abwesenheit von Krankheiten wie den unvermeidbaren gelegentlichen Schnupfen oder andere Infektionen wie Windpocken oder Grippe, die ja gewissermaßen zum Gesundsein dazu gehören. Manchmal schützen
sie sogar vor einer späteren Erkrankung, und gefährlich sind sie nur in Ausnahmefällen. Ausnehmen möchte ich auch die sogenannten Erbleiden, mit denen sich die Disziplin der medizinischen Genetik beschäftigt. Diese Krankheiten sind selten, in ihren Auswirkungen fast immer tragisch und enden leider viel zu oft tödlich. Aber sie sind nicht die Folge des Zusammenspiels aus Erbe und Umwelt. Selbst mit einer blendenden
Gesundheit können wir ihre Ursache nicht beseitigen – wir können diese Krankheiten höchstens in ihrer Entwicklung verzögern oder möglichst lange am Ausbruch hindern. Dieses Buch behandelt vor allem die Widerstandskraft gegen komplexe Krankheiten, auch multifaktorielle Leiden genannt. Das sind Krankheiten, zu denen sehr viele Faktoren gemeinsam auf komplizierte, oft noch nicht im Detail verstandene Weise beitragen. Zu diesen Leiden zählen alle Volkskrankheiten, alle Zivilisations- und Altersleiden sowie die allermeisten anderen chronischen und psychischen Krankheiten.
Im Fokus stehen also jene Krankheiten und Krankheitsvorstufen, die wirklich alle Menschen etwas angehen und gegen die wir fast alle nahezu tagtäglich versuchen anzukämpfen:
starkes Übergewicht bis hin zur Fettsucht, Typ-2-Diabetes, Rheuma, Asthma, Allergien, Bluthochdruck, verkalkte Gefäße und andere Herz-Kreislauf-Störungen als Auslöser von Herzinfarkt und Schlaganfall, Depressionen, Ängste, Schlaflosigkeit und die vielen anderen psychischen Störungen, Altersdemenz, womöglich sogar Morbus Alzheimer – und Krebs
natürlich. Gegen diese Krankheiten richtet sich unser wachsendes Bewusstsein für gesunde Ernährung, Fitness, Schlankheit, Schlaf, Entspannung. Viele der Risikofaktoren für komplexe Krankheiten sind
schon länger bekannt: die geerbten Genvarianten natürlich, aber auch unausgewogene Ernährung, mangelnde Bewegungsfreude, geringer Wohlstand und Bildung sowie Nikotin und Alkoholkonsum und vieles mehr. Dennoch fällt es der Medizin noch immer schwer, diese Krankheiten zu verstehen oder gar effektiv zu behandeln. Einige besonders wichtige
Faktoren wurden bislang nämlich weitgehend übersehen: die Art und Weise, wie die Gene in den einzelnen Zellen des Körpers reguliert werden – welche Gene besonders häufig und welche eher selten zum Einsatz kommen – sowie die frühe Prägung und die generationsüberschreitende Vererbung von Umweltanpassungen. Genau diese Faktoren, deren Einfluss früher oft als Zufall fehlgedeutet wurde, verändern derzeit den Gesundheitsbegriff. Wie sie genau aussehen und was das für jeden Einzelnen von uns bedeutet, ist wesentlicher Inhalt dieses Buches.

Das Buch soll zeigen, wie unser Handeln oder Nichthandeln
tief hineinwirkt in die mikroskopisch kleinen Kerne unserer rund 30 Billionen Zellen und inwiefern es mitunter Konsequenzen für unsere Kinder und Enkel hat. Die Abwehr chronischer und ernster seelischer wie körperlicher Krankheiten bis ins hohe Alter, verbunden mit dem möglichst langen Erhalt der körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeit,
entsteht nach dieser Sicht aus der permanenten, unentwirrbaren
und schicksalhaften Interaktion von Erbe und Umwelt. Um es möglichst kompakt auszudrücken: Gesundheit und Persönlichkeit sind maßgeblich beeinflusst vom Integral des Handelns und der Erfahrungen der Vorfahren, der eigenen Zeit im Mutterleib, den ersten wichtigen Monaten und Jahren
nach der Geburt sowie dem ganzen langen Rest des eigenen Lebens.
Noch kürzer gefasst: Gesundheit entsteht! Wir dürfen uns um sie bemühen – natürlich nicht in jeder Minute, aber vielleicht wenigstens einmal pro Tag oder mehrmals in der Woche. Und wir dürfen eine Menge dafür tun, dass unsere Kinder, Enkel und Urenkel den Kampf um ihre Gesundheit etwas gelassener angehen können. Denn auch Gesundheit wird vererbt. Diese Erkenntnisse betreffen jeden. Sie taugen zwar nicht, die Verantwortung für einen ungesunden Lebensstil bei Eltern und Großeltern abzuladen. Aber sie vermitteln die große Chance, unsere eigene Gesundheit ein Stück weit selbst zu erschaffen und darüber hinaus schon heute eine ganze Menge für die Gesundheit der Gesellschaft von morgen zu tun. Vermutlich werden wir dabei erkennen, wie die moderne Wissenschaft uns ganz sanft nötigt, etwas mehr Verantwortung für uns selbst und unsere Nachkommen zu übernehmen. Doch diese Verantwortung ist auch eine riesengroße Chance! Dieses Buch soll erklären, motivieren, faszinieren, helfen, uns besser zu verstehen. Aber es sucht keine Schuldigen und liefert keine stupiden Gebrauchsanweisungen. (Ich bin ohnehin der Meinung, dass jeder Mensch im Grunde ein intuitives Gespür dafür hat, was für ihn und seine Gesundheit gut ist und was nicht.) Und hoffentlich bringt es die gesellschaftliche Debatte über neue Formen der Krankheitsvorsorge voran.

Dr. Peter Spork (2017): Gesundheit ist kein Zufall. GGP Media GmbH, Pößneck.