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Psychotherapeutische Möglichkeiten…

… Schritt für Schritt erweitern

In dieser Erzählung – dem dritten einer inhaltlich an psychotherapeutischer Praxis und Theorie orientierten Reihe, die Jürgen Hargens ein wenig selbstironisch als „nicht-fachliche Fachbücher“ bezeichnet – arbeiten psychotherapeutische ExpertInnen und Betroffene, die sog. KlientInnen, die Hargens als „kundige Menschen“ bezeichnet, daran, unterstützendes psychotherapeutisches Tun zu erweitern, etwas andere, manchmal ungewöhnliche Wege zu gehen und Gewissheiten infrage zu stellen. Kein Fachbuch, sondern eine einfühlsame und gut lesbare Erzählung als Anregung über psychische Probleme und ihren Umgang nachzudenken – gerichtet an jeden interessierten Menschen.

Das Ganze begann im ersten Band (Möglichkeiten und mehr…) mit dem Slogan: „Wenn Sie nicht mehr wissen, wie es weitergehen kann – kommen Sie vorbei“, den Angelo Meganos erfunden hatte. Mit ungeahnten Folgen – es fanden sich Fachpersonen, die daran interessiert waren, stärker zusammenzuarbeiten und in ihrem Rahmen mitzuwirken, die herrschende psychotherapeutische Mangelversorgung in kleinen Schritten zu verändern. Dazu trugen die kundigen Menschen mit ihren Ideen und ihrem Tun erheblich bei. Und das alles neben dem unvermeidlichen Alltag des Geldverdienens.

Im zweiten Band (Therapie …) stießen weitere Fachpersonen hinzu und sie alle erprobten weiter, unter Einbeziehung der Betroffenen (Einzelpersonen, Familien, Jugendliche) das hilfreiche Repertoire zu erweitern. In diesem dritten Band Möglichkeiten – Schritt für Schritt erweitern – schildert Hargens einfühlsam, fachkundig und verstehbar Erleben, Reflektieren und Handeln aller Menschen – aus ihren unterschiedlichen Perspektiven. Dabei verdeutlicht er, dass es nicht nur eine psychotherapeutische Unterversorgung gibt, sondern, wie es eine der Fachpersonen nennt, eine psychotherapeutische Unversorgung. So suchen alle nach anderen, erweiterten Möglichkeiten und entwickeln Ideen, nicht unbedingt neu, allerdings Möglichkeiten und Spielräume eröffnend, über die sie intensiv diskutieren, ihre Erfahrungen einbringen und daran arbeiten wollen und werden, diese schrittweise und kritisch begleitend umzusetzen – getreu dem Motto eines Fachkollegen: Langsam vorangehen, um rasch ans Ziel zu kommen.

Gerne publizieren wir hiermit einen Ausschnitt aus dem neusten Buch von Jürgen Hargens:

Nebliger Herbst

Kurz vor neun am Morgen. Der Tag ließ bisher offen, in welche Richtung er sich entwickeln wollte. Herbst. Oktober. Nur, das stand fest, kein goldener Oktober. Nebel verhüllte die Welt. Feuchtnass. Ein Wetter, das eher zum im Bettbleiben und Kuscheln einlud. Genau das schoss auch Angelo Meganos durch den Kopf, doch es ging ganz einfach nicht – er musste sich schließlich seine Brötchen verdienen. Brauchte darüber wirklich nicht zu klagen, denn nicht nur seine psychotherapeutische Praxis lief gut, auch die Zusammenarbeit mit einer Handvoll Kollegen und Kolleginnen außerhalb ihrer eigentlichen Praxis. Das brachte Spaß, Freude und wirkte sich offenbar, wenn er sich die Nachfrage vor Augen führte, auch auf die, wie sie es nannten, kundigen Menschen, aus. Und der erste Termin des Tages stand bevor.
Die Klingel schreckte Angelo aus seinen Tagträumen. Der erste Termin am Morgen. Er lächelte, als er zur Tür ging und den Türöffner drückte.
„Guten Morgen, Herr Westfalen“, grüßte Angelo freundlich. „Treten Sie ein, legen Sie ab. Nehmen Sie Platz. Sie kennen sich ja aus.“
Heiner Westfalen, ein knapp fünfzigjähriger Mann, nickte Angelo zu, brummte einen unverständlichen Gruß, zog seinen leicht feuchten Mantel aus, hängte ihn an die Garderobe und fuhr sich durchs nasse Haar. „Unfreundliches Wetter.“ Das war nun nicht zu überhören. „Passt zu meinem Befinden.“ Darüber musste er selber grinsen.
„Das passt ja ausgezeichnet“, flachste Angelo zurück und bemühte sich, mit einer gewissen Leichtigkeit auch andere Erwartungen zu stärken. „Nachher kommt die Sonne, die Trockenheit, die Wärme. Und dann passt das auch zu Ihrem Befinden. Nur noch ein bisschen warten. Geduld. Nicht immer ganz leicht.“
„Tsch“, Westfalen schüttelte seinen Kopf, „Sie haben gut reden …“
„Da haben Sie Recht“, stimmte Angelo ihm zu und wies mit seiner Rechten in Richtung Arbeitszimmer.
Es war die zweite Sitzung. Westfalen hatte sich gemeldet, weil er sich, wie er es nannte, „neu orientieren“ wollte. In jeder Hinsicht. Er arbeitete seit etwa dreißig Jahren bei einer Bank, verdiente gut, war verheiratet, das Paar hatte zwei Kinder, die inzwischen erwachsen waren. Diese beiden waren auch, wie sich rasch zeigte, der Auslöser für Westfalens Anruf bei Meganos gewesen. Sie machten nicht – oder nicht nur – das, was der Vater sich wünschte, sondern hatten ihren eigenen Kopf. Diskussionen, heftige, auf Worte beschränkte Auseinandersetzungen, überschatteten das Familienleben. Westfalen hatte den Eindruck, dass sich auch seine Frau Emmi eher auf die Seite der Kinder schlug.
„Kinder?“, hatte Meganos in der letzten Sitzung skeptisch nachgehakt. Beide Kinder waren erwachsen, hatten die Schule hinter sich und planten, in absehbarer Zeit auszuziehen.
Westfalen setzte sich, ließ seinen Kopf hängen. Schwieg.
„Herr Westfalen …“ Meganos sprach langsam und leise. Schaute Westfalen an, überlegte, wo der gerade mit seinen Gedanken hingewandert sein könnte.
Keine Antwort. Westfalen wandte seinen Kopf nach links, so dass er aus dem Fenster schauen konnte. Nickte.
Das griff Meganos sofort auf. „Oh“, Erstaunen in seiner Stimme „was haben Sie draußen Interessantes gesehen?“
Westfalen wandte sich Meganos zu. „Irgendwie traurig“, dachte Angelo und meinte, damit ins Schwarze getroffen zu haben.
Westfalen schwieg weiter. Schüttelte den Kopf. Dann nickte er. „Sehen Sie doch selber, oder? Ich stecke einfach fest.“ Er verschränkte seine Arme vor der Brust und starrte auf Angelos Füße.
„Hm“, brummte Angelo, „auch wenn ich Ihre Gedanken unterbreche … zwei Fragen habe ich. Zum einen – wie nennen Sie das für sich selber noch … das, was Sie gerade ‚feststecken‘ genannt haben? Das würde mir helfen, mir das ein bisschen besser vorstellen zu können … Und … heute sind Sie gekommen, wie vereinbart … zuverlässig … was haben Sie am Ende dieses Treffens erreicht?“
Angelo formulierte bewusst so, dass es nicht um Wünsche ging, um Hoffnungen, sondern ganz konkret um das, was am Ende tatsächlich erreicht worden war. Also eine Art Blick in eine gewusste Zukunft, die allerdings erst in einer guten Stunde Wirklichkeit würde.
Westfalens Reaktion überraschte ihn nicht.
„Pff“. Heftiges Ausatmen. „Wenn ich das wüsste …“ Der Satz blieb unvollendet zwischen Westfalen und Angelo hängen.
„Tja …“ Angelo hakte nach, wertschätzend und respektvoll, wie er hoffte. „Nur einmal … ja … einmal angenommen … angenommen, Sie wüssten das …“ Angelo richtete sich auf, setzte sich gerade hin, schaute Westfalen an, „wie würde dann Ihr Satz ‚wenn ich das wüsste‘ weitergehen?“
Westfalen kniff seine Lippen zusammen, nickte wortlos. „Dann … ja dann …“ Lange Pause. „Dann wäre ich nicht so deprimiert. Meine miese Stimmung, meine Lustlosigkeit … ja … meine Depression wäre … einfach weg.“
„Einfach weg!“ Angelo klang zuversichtlich. „Toll … das wäre toll.“ Jetzt machte auch er eine kurze Pause. Lächelte einfach. „Und wenn das einfach weg wäre … dann … klar … dann fühlen Sie sich … besser … gut … und dann? Da bin ich neugierig … was machen Sie dann, wenn das einfach weg ist … was Sie jetzt nicht machen“?
Westfalen sackte in seinem Stuhl zusammen. „Das ist es doch gerade!“ Laut und nachdrücklich. „Das geht einfach nicht weg! Ich war auch schon bei meinem Arzt.“ Westfalens Kopf sank wieder auf seine Brust. „Ich bin ein hoffnungsloser Fall. Hab’ alles, worum andere mich beneiden … es geht mir gut … und dennoch fühle ich mich mies … auf deutsch gesagt … schlicht beschissen.“
„Ich habe so eine Ahnung, wie es Ihnen gehen mag.“ Angelo verhielt sich vorsichtig, denn er hatte gespürt, dass sein Versuch, Westfalen dazu zu bewegen, das zu beschreiben, was er erreichen wollte – also sein Ziel, wie es so einfach in der Fachliteratur heißt -, ihn nur noch stärker dazu zu bringen schien, sein Leiden, seine Misere zu beschreiben. Das würde, so Angelos Erfahrung, eher dazu beitragen, dass Westfalen sich selber noch tiefer in seine, wie er es nannte, Depression hinunterziehen könnte. Wenig hilfreich, so seine Folgerung.
„Was mich interessiert … auch wenn es vielleicht in Ihren Ohren ein wenig überraschend klingen mag … wann war es in der letzten Zeit … also in der letzten Woche … ein klein wenig … wirklich … nur ein kleines bisschen … nicht ganz so schlimm?“
Angelo hatte bewusst die Bezeichnung „besser“ vermieden, denn das könnte möglicherweise bei Westfalen die Assoziation auslösen, dass es nie besser gewesen war. Da schien es, so dachte Angelo, vielleicht hilfreicher zu formulieren ‚ein kleines bisschen nicht ganz so schlimm‘.
Westfalen brummte ein leises „hm“, fuhr mit den Zähnen des Oberkiefers über seine Unterlippe, schloss sogar für einen Moment seine Augen. Richtete sich langsam wieder auf, schaute an Angelo vorbei und meinte kurz und knapp, „Weiß ich nicht … keine Ahnung.“
Angelo nickte. „Also … möglicherweise … könnte sein … war es in letzter Zeit ein klitzekleines bisschen ‚nicht ganz so schlimm‘. Dabei einfach so klein, dass es Ihnen … was sehr normal ist, wenn es Ihnen so wenig gut geht … gar nicht aufgefallen sein könnte … gar nicht aufgefallen ist.“
Beide schwiegen.
Angelo wechselte das Thema. „Darf ich Ihnen ein Glas Wasser anbieten? Oder einen Kaffee?“
Er wollte vermeiden, dass über die Idee „ein kleines bisschen nicht ganz so schlimm“ geredet wurde. Er hoffte, dass durch den Themenwechsel sich diese Idee ein wenig besser in Westfalens Kopf festsetzen könnte und dort auch verweilen würde.
Westfalen hatte den Kopf geschüttelt, Angelo genickt.
Beide schwiegen weiter. Angelo verspürte seinen inneren Druck, irgendwie hilfreich zu sein oder besser: hilfreich sein zu müssen. Das war ihm schon länger nicht mehr passiert. Es war die gewöhnliche, wie er es nannte, Falle, in die fast jede Fachperson hineingeriet, immer ‘mal wieder – nicht nur helfen zu wollen, sondern auch zu glauben, helfen zu müssen und vor allem: helfen zu können.
Er atmete zweimal tief ein und aus, richtete sich auf, um sich wieder zu konzentrieren. Das hatte er gerade in den letzten Jahren in der Zusammenarbeit mit seinen Kollegen erfahren – er konnte nur da sein, dabei sein, an den kundigen Menschen glauben, ihn respektieren und ernstnehmen – ändern konnte sich nur der Mensch selber. Auch wenn der sich zuerst fast immer wünschte, er bekäme ein Wundermittel, eine Wunderpille oder etwas Ähnliches und alles wäre wieder gut. Das war eine sehr herausfordernde und enttäuschende Situation, obwohl es sich immer wieder zeigte, dass jeder Mensch offensichtlich zu wissen schien, dass die Person, die tatsächlich helfen und etwas ändern könnte, nur sie selber war. Was nicht heisst, dass dies einfach oder leicht wäre. Unterstützung – wie jetzt bei Heiner Westfalen – tat immer gut. Unter Unterstützung verstand Angelo so etwas wie „einfach da sein“, zuverlässig und immer respektvoll sein. In ihren Treffen nannten er und seine Kollegen und Kolleginnen es etwas spielerisch „Mensch sein und Mensch bleiben“.
„Also …“, Angelo begann sich wegen des Schweigens unwohl zu fühlen, „was mich im Moment sehr interessiert … Sie sind heute gekommen … einfach so … Ich nehme einfach an, dass Sie für sich, vielleicht irgendwo tief in Ihnen verborgen … eine Art dunkle Ahnung verspüren, dass Sie nicht bereit sind … bislang noch keinesfalls bereit sind … sich ganz aufzugeben.“
Er schaute Westfalen an, wünschte sich, dass seine Zuversicht und Hoffnung bei Westfalen ankämen. Die Idee von kundigen Menschen, die nicht nur ihn, sondern auch seine Kollegen und Kolleginnen weiter antrieb, auch ungewöhnliche Wege zu gehen, war mit voller Kraft zu ihm zurückgekommen. Und das sollte sich – seine Hoffnung – in seiner letzten Aussage auch gezeigt haben. Nur konnte er sich da nicht sicher sein, denn, wie er gelernt hatte und woran er auch glaubte, letztlich bestimmt – wie er leider, egal, wie schwer es ihm auch fiel, einsehen musste – immer das Gegenüber, wie solche Aussagen und Verhaltensweisen dort ankamen.
„Das ist etwas, was ich … angesichts Ihrer Situation … beeindruckend finde.“ Angelo machte eine Pause. „Beeindruckend und … das wissen Sie besser als jeder andere … eben nicht einfach auszuhalten … Sie haben es selber sehr klar gesagt … Sie fühlen sich mies … einfach beschissen … und dann geistert da immer auch eine kleine Hoffnung herum.“
Angelo hörte einfach auf, lehnte sich zurück, entspannte sich und wartete.
Westfalen schaute an Angelo vorbei, hatte seine Lippen geschürzt, saß ruhig und still da, während seine Augen hin- und herflitzten.
„Sie möchten kein Wasser. Ich würde mir gerne eins holen. Ist das in Ordnung?“
Westfalen brauchte einen Moment, so schien es Angelo, in die Wirklichkeit dieses Raumes zurückzukehren. Genau das hatte sich Angelo von dem Themenwechsel erhofft und zugleich erlebbar gemacht, dass Westfalen sehr rasch und klar eigene Entscheidungen treffen konnte, auch wenn es ihm vielleicht gar nicht besonders aufgefallen war.
„Klare Entscheidung … vielleicht ist Wasser auch keine gute Möglichkeit. Ich weiß“, Angelo strahlte Westfalen an und nickte, „die meisten brauchen morgens einen Kaffee. Kann ich Ihnen auch bringen, wenn Sie möchten.“
Westfalen schüttelte den Kopf. Angelo nickte. „Klare Entscheidung“, wiederholte er halblaut, um diese Fähigkeit von Westfalen noch einmal – gleichsam nebenbei – hervorzuheben, ohne dass beide darüber sprechen mussten und möglicherweise unterschiedlicher Meinung wären.

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Zum Autor:

Jürgen Hargens, Diplom-Psychologe, Psychotherapeut, Klinischer Psychologe und Supervisor BDP, Familientherapeut/systemischer Therapeut und systemischer Supervisor DFS. Freie Praxis 1979 bis 2015. 1983 Gründer und bis 1992 Herausgeber der Zeitschrift für systemische Therapie. Langjährige Mitarbeit bei verschiedenen Zeitschriften: CONTEXT, Contemporary Family Therapy, Psychotherapie FORUM, Foreign Correspondent des ANZJ for Family Therapy. 1990 bis 1996 Lehr-beauftragter an der Universität Kiel.

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