Es ist ein besonderer Moment für die systemische Community: 30 Jahre nach der Erstveröffentlichung erscheint am 9. Februar 2026 die intensiv überarbeitete Neuauflage des Standardwerks „Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung I“. Hinter diesem Werk steht nicht nur eine enorme fachliche Leistung, sondern auch ein tiefes persönliches Versprechen. Arist von Schlippe hat die gemeinsame Arbeit mit Jochen Schweitzer über dessen Tod im Jahr 2022 hinaus vollendet. Es ist ein Buch, das die Balance hält: zwischen fundierter Wissenschaft und jenem humorvollen, zugänglichen Geist, der die beiden Autoren seit jeher auszeichnet.
In einer Zeit, in der Künstliche Intelligenz (KI) oft als das Mass aller Dinge gilt, erinnert uns Arist daran, dass KI immer nur so gut sein kann wie die „natürliche Intelligenz“, auf der sie fusst. Systemische Arbeit ist im Kern Beziehungsarbeit – ein Prozess der Ko-Kreation, der sich nicht algorithmisieren lässt.
Besonders deutlich wird diese „NI“ in den neuen Abschnitten des Buches, in denen es um die brennenden Fragen unserer Gegenwart geht: Wie gehen wir mit Fake News um? Verliert sich im systemischen Konstruktivismus nicht alles im Beliebigen?
Alles ganz beliebig?
Arist von Schlippe hat dem einen exklusiven Ausschnitt aus dem Kapitel II „6.12 Alles ganz beliebig? Fake News und Wahrheit“ für diesen Blog zur Verfügung gestellt. Darin wird deutlich, dass eine systemische Haltung keine Einladung zur Gleichgültigkeit ist, sondern vielmehr zur Wachsamkeit und zur klaren Positionierung aufruft. Lies hier einen Einblick in das aktuelle Denken eines der bedeutendsten Autoren unseres Feldes:
„Zuweilen wird gegen eine wissenschaftliche Auffassung von der Komplexität der Perspektiven, aus denen Wirklichkeiten betrachtet, konstruiert und bestritten werden können, der Einwand erhoben, damit würde man abwiegeln, wie wichtig dieser Streit ist und wie gefährlich manche Wirklichkeitsauffassung werden kann. Nach meinem Eindruck ist das Gegenteil der Fall. Der Hinweis auf Komplexität ist keine Einladung zur Gleichgültigkeit, sondern zur Wachsamkeit und zur Bereitschaft zur Auseinandersetzung. Dass niemand mehr die Keule der Objektivität schwingen kann, mag ängstlichen Gemütern Furcht einflößen. In Wirklichkeit ist es nur ein Hinweis darauf, dass man sich dem Streit stellen muss, wenn man ihn sucht« (Baecker, 2017, S. 11).
Das Zitat von Dirk Baecker soll eine nicht ganz unwichtige Nachbemerkung zu diesem Abschnitt einleiten: Wenn »alles« Beschreibung ist, wenn »Objektivität« und »Wahrheit« Fiktionen sind, woran kann man sich dann in Zeiten von »Fake News«, bewusster Verbreitung von Falschmeldungen und Manipulation durch künstliche Intelligenz noch halten (Fischer, 2020)? In einem interessanten Text setzte sich die amerikanische Therapeutin Sheila McNamee (2017) mit dieser Frage auseinander. Sie wählte dazu ein interessantes Beispiel: Als Donald Trump 2016 Barack Obama erstmals als Präsident der USA abgelöst hatte, wurde nach seiner Amtseinführung berichtet, es habe sich um die größte Teilnehmerzahl gehandelt, die es je gegeben habe. Die Diskussion verengte sich schnell am Stichwort »Alternative Fakten« auf die Frage »richtig« oder »falsch«. Es wurden Beweise vorgelegt, dass bei Obamas Einführung weitaus mehr Anwesende zu zählen waren. Vordergründig ergibt sich hier ein Dilemma für konstruktivistische Perspektiven: Der eine hat seine Sicht (seine Konstruktion), die andere eben eine andere, und da es keine »Objektivität« gibt, kann es doch konsequenterweise hier keine Entscheidung entlang richtig/falsch geben: Wenn Sinn Ergebnis sozialer Aushandlung ist, dann müsse doch jedes Ergebnis gleichermaßen zählen. Dies ist ein Argument, das oft gegen konstruktivistische und konstruktionistische Positionen angeführt wird; der darin liegende »Relativismus«, so der Vorwurf, mache es unmöglich, Stellung
zu beziehen. Doch geht auch eine systemische Perspektive nicht von Beliebigkeit aus.
Für McNamee ist klar: Sie würde auch aus konstruktivistischer Sicht »diese Darstellung […] nicht als Wahrheit stehen lassen«, denn: »Wenn wir davon ausgehen, dass Bedeutung – und damit Realität – dadurch entsteht, dass Menschen miteinander etwas tun, heißt das nicht, und zwar nicht einmal ansatzweise, dass wir uns alles Mögliche über die Welt ausdenken könnten« (McNamee, 2017, S. 241 f.). Eine systemische Erkenntnistheorie geht nicht davon aus, dass es keine materielle Welt »gibt« und wir uns die Welt so ausdenken können, wie wir wollen – das ist ein gefährliches Missverständnis (siehe hierzu auch Kuchler, 2022; Loth, 2022; Tomm, 2019). Es wird aber weniger darüber gestritten, wie die Welt »ist«, als vielmehr auf die sozialen Prozesse geachtet, in denen die Welt »solange in Form von Strukturen Bestand hat, solange Menschen in Übereinstimmung mit dieser Bedeutung handeln« (McNamee, 2017, S. 244).
Eine starke Differenz der Beschreibungen sollte dann weniger dazu verleiten, sich auf die Ebene von richtig/falsch zu begeben, als vielmehr nach den Differenzen von Interessengruppen zu fragen. »Es ist nicht die Welt selbst, die richtig oder wahr ist, wir interessieren uns für die Prozesse der Bedeutungsgebung, für die ausgehandelten Vereinbarungen, die Menschen erzeugen, aufrechterhalten und auch ändern« (S. 244). Das hat wenig mit Beliebigkeit zu tun, eher damit, wie gefragt wird und dass man sich gegen eine Behauptung, die einen ideologischen Alleinvertretungsanspruch durchsetzen will, angemessen wehrt, ohne selbst zum »Fundamentalisten« zu werden. Der Fokus verschiebt sich »von einer Rhetorik des Beweisens zu einer der gemeinsamen Betrachtung der Implikationen und möglicherweise unbeabsichtigten Konsequenzen dessen, was wir untersuchen, wie wir es untersuchen und was wir letztlich mit unseren ›Ergebnissen‹ tun« (S. 245).
Gerade in Zeiten, in denen die Risiken der Digitalität deutlicher werden, ist es wichtig, hier eine klare Orientierung zu behalten. Denn »auf ein Leben im Wirkungsnetz plötzlich aufschäumender medialer Aufmerksamkeitsexzesse ist niemand wirklich vorbereitet« (Pörksen, 2019, S. 15).
Weiterführendes & Vernetzung
Der konstruktivistische Blick auf die Welt ist kein theoretisches Glasperlenspiel – er hat handfeste Konsequenzen für unser Miteinander. Uns würde interessieren:
„Wie erleben Sie das Spannungsfeld zwischen konstruktivistischer Sichtweise und dem Anspruch auf Wahrheit in Ihrer täglichen Praxis?“
Lassen Sie uns in den Kommentaren in den Austausch gehen!
Ressourcen zum Thema
- Das Buch ist bis 31.3.2026 zum Einführungspreis von € 45,– erhältlich
- Das neue Inhaltsverzeichnis der 4. Auflage findet ihr hier
- Arist von Schlippes persönlicher LinkedIn-Post dazu gibt es hier (mit Kommentar u.a. von Dr. Gunther Schmidt)
- Arist von Schlippe doziert regelmässig am wilob. Wer ihn persönlich erleben möchte: Beim Workshop Karussell der Empörung hat es noch letzte Plätze!