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Das wilob Model

Im Unterschied zu psychosozialer Beratung dient Psychotherapie der Behandlung psychischer Störungen mit Krankheitswert. Somit setzt Psychotherapie eine psychopathologisch orientierte Psychodiagnostik voraus, welche sich nach aktuellen Diagnosekriterien richten muss. Die psychopathologische Symptomatik ihrerseits hat sich an eindeutig definierten und anerkannten Kriterien zu orientieren. Aus diesem Grunde vermitteln wir am wilob die Beschreibung des Psychostatus anhand der Forschungskriterien nach AMDP und ICD. Die Beurteilung dieses Befundes im Sinne einer Diagnosefindung erfolgt nach ICD.

Die Psychotherapie muss wissenschaftlich, zweckmässig und wirtschaftlich sein. Insofern liegt der Fokus eindeutig auf einer Linderung der psychopathologischen Symptomatik.  Methodisch arbeiten wir systemisch (mit Fokus auf Lösungsorientierung), was heisst, dass wir uns an den systemischen Grundsätzen orientieren.  Somit setzt die von uns vermittelte Therapie einerseits die psychopathologisch orientierte Psychodiagnostik, sowie auch die Systemische Diagnostik (Kontext, rechtliche, gesellschaftliche Rahmenbedingungen, usw.) mit ein. Unser Psychotherapieansatz ist in grossen Mass sprachbasiert, d.h. dass unsere Sprachwahl sorgfältig zu erfolgen hat, da bereits das diagnostische Explorieren einen therapeutischen Effekt aufweisen kann. In diesem Sinne vermischt sich diagnostische Exploration und Therapie und es ist klar, dass die Prozesse nicht linear sondern zirkulär erfolgen.

Gemäss von Schlippe und Schweizer (2016) können sich krankheitsbezogene Interaktionen auf mehreren Systemebenen zugleich abspielen:

                Auf der biologischen Ebene (das gelebte Leben) interagieren Gene, Hormone, Nervensignale, Bakterien oder andere Elemente in einer Weise miteinander, die von Laien oder Experten als „krankhaft“ diagnostiziert werden.

                Auf der psychischen Ebene des „erlebten Lebens“ nimmt ein Mensch zahlreiche Gefühle („mir ist übel“, „mir tut es weh“),  Gedanken („mein Herz schlägt eigenartig schnell“),  Selbstgespräche („ich sollte nicht immer….“), erinnerte Träume, Problemtrancezustände („mir gelingt nie etwas“) und Lösungstrancezustände wahr („ich werde es schwungvoll anpacken“). Das Ergebnis dieser Interaktionen verschiedener, oft auch widersprüchlicher Gedanken und Gefühle kann das Selbsterleben sein, krank zu sein.

                Auf der sozialen Ebene des „erzählten Lebens“ wird aus der Fülle dieser biologischen und psychischen Prozesse nur derjenige Ausschnitt sichtbar, der in Kommunikationen einfliesst. Dazu gehört alles, was dieser Mensch verbal in Gesprächen, Reden oder Briefen sowie nonverbal in Mienenspielen und Gesten ausdrückt – genauer gesagt: alles, was Laien beobachten und medizinische Fachleute mit und ohne diagnostische Geräte festzustellen vermögen.

  • Ob einer Störung auf einer dieser drei Systemebenen Krankheitswert zugeschrieben wird – ab welcher Intensität, welchem Grenzwert, welcher Symptomkombination, welcher Dauer, ist oft nicht naturgegeben, sondern Ergebnis sozialer Aushandlung.
  • Wie alle Psychotherapie spielt sich auch systemische Psychotherapie „nur“ auf der Ebene der Kommunikation ab – der Kommunikation zwischen Patienten und Therapeut, bzw. bei Mehrpersonentherapien auch zwischen weiteren Menschen.
  • Wie alle Psychotherapie geht sie davon aus, dass veränderte Kommunikationen auch Veränderungen im psychischen und biologischen System, zwar nicht unmittelbar „umzusteuern“, aber doch in einer positiven Weise “anzuregen” vermag. Gedanken und Gefühle lassen sich wie Neurotransmitter und Hormone durch soziale Interventionen von aussen nicht direkt steuern, aber indirekt anregen und initiieren.
  • Die Fixierung des Blickes auf das, was krank ist, kann im Sinne eines Tunnelblickes die Wahrnehmung durchaus vorhandener Ressourcen im Klientensystem blockieren.
  • Ein grosser Teil systemischer Therapiepraktiken, besonders bei chronischen Erkrankungen, widmet sich der „Verflüssigung“ und „Infragestellung“ solcher Krankheitskonzepte, vor allem dann, wenn diese eher als Teil des Problems, denn als Teil der Lösung erscheinen
  • Wir betrachten Therapie als eine Möglichkeit, Selbstorganisationsprozesse zu injizieren.
  • Wir erachten uns (als Therapeuten) demnach als Helfer, Selbstorganisationsprozesse anzuregen und gehen davon aus, dass wir nur unterstützen, nicht aber für den betroffenen Menschen handeln können.
  • Wir betrachten Menschen als autonom, als selbstorganisiert und gehen auf Grund des Konzeptes der Autopoiese (Maturana und Varela) davon aus, dass wir von aussen nicht zielgenau instruieren können. Unsere Interventionen erachten wir als Versuche, auf Resonanz bei der Klientel zu stossen und Entwicklungsprozesse anzuregen.
  • Damit Veränderungsprozesse durch Psychotherapie angeregt werden können, müssen einige Bedingungen erfüllt werden. Als übergeordnete Metatheorie dienen uns die generischen Prinzipien (Schiepek und Haken, 2006), welche die Grundlage der Fallkonzeption darstellen.
  • Und wenn in der Psychotherapie den generischen Prinzipien gedient wird, werden ebenfalls die Wirkfaktoren nach Grave gelebt.

Die Lehre vom Zusammenwirken, Synergetik (vgl. Haken/Schiepek 2006), zeigt, wie aus der nichtlinearen Wechselwirkung zwischen Systemelementen Synchronisationseffekte und damit Strukturen entstehen. Und diese als „Selbstorganisation“ bezeichnete spontane Entstehung erfolgt unter bestimmten Bedingungen – dichte Wechselwirkung zwischen den Systemelementen, Nichtlinearität in diesen Wechselwirkungen, Offenheit, resp. Energieimport und Energiedurchsatz von aussen – von selbst aus den komplexen Möglichkeiten eines Systems heraus. Überall, wo diese Bedingungen der Wechselwirkung, der Nichtlinearität und der energetischen Offenheit vorliegen, kann von der Möglichkeit spontaner Ordnungsbildung ausgegangen werden. Es gibt eine Vielfalt von psychologischen Phänomenen, die durch selbstorganisierte Ordnungsbildung auffallen, z B. motorische Koordination, visuelle Wahrnehmung, das Auftreten von kognitiven, affektiven und behavioralen Mustern. Von besonderer Relevanz ist das Paradigma der Selbstorganisation im Bereich von Psychotherapie.

Synergetisches Prozessmanagement als Referenzrahmen einer allgemeinen Beratungstheorie

  • Das Synergetische Prozessmanagement als Variante der Systemtheorie rekurriert insbesondere auf die Chaostheorie und die Synergetik als Theorie der Selbstorganisation sowie empirische Befunde der Psychotherapieforschung (vgl. Haken/Schiepek 2006).
  • Hieraus werden sog. generische, d.h. die Selbstorganisation fördernde Prinzipien abgeleitet.
  • Die Rolle des Therapeuten besteht demzufolge darin, durch die Realisierung der generischen Prinzipien Selbstorganisationsprozesse zu fördern.

Generische Prinzipien ermöglichen den Einsatz unterschiedlicher Methoden und Verfahren aus verschiedenen Therapieschulen. Es geht darum den generischen Prinzipien zu dienen um Selbstorganisationsprozesse anzuregen, Veränderungsprozesse zu initiieren.

Die von Schiepek formulierten acht generischen Prinzipien bilden in diesem Sinne Grundlage für unsere Fallkonzeption:  

  • Stabilitätsbedingungen schaffen
  • Muster des relevanten Systems identifizieren
  • Sinnbezug herstellen
  • Energetisierungen ermöglichen
  • Fluktuationsverstärkungen anregen
  • Synchronisation beachten
  • Gezielte Symmetrieberechnung ermöglichen
  • Re-Stabilisierung gewährleisten

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Literatur:

  • Grawe, K. (2005). Empirisch validierte Wirkfaktoren statt Therapiemethoden. Report Psychologie, 7(8), 311.
  • Haken, H./Schiepek, G. (2006): Synergetik in der Psychologie. Selbstorganisation verstehen und gestalten. Göttingen u.a.: Hogrefe Verlag.
  • Lieb, H. (2013). Störungsspezifische Systemtherapie. Konzepte und Behandlung. Heidelberg: Carl-Auer.
  • von Schlippe, A., & Schweitzer, J. (2006). Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.
  • von Schlippe, A. & Schweizer, J. (2014). Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung II: das störungsspezifische Wissen (Vol. 2). Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.